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Wolfsgeheul spezial – Tristitia letalis

Die Situation beim VfL Wolfsburg kann man ungefähr so beschreiben: Der Patient liegt auf dem Tisch während der Not-OP mit akutem Herz- Kreislaufversagen, wo der Arzt verzweifelt auf den Brustkorb einhämmert, um die Null-Linie zum Zucken zu bringen – nur ohne Arzt. 

Wenn wir in der Analogie von TV-Arztserien bleiben, fallen einem noch mehr Vergleiche ein, die in den Nachrichten oder in den Zeitungsanzeigen meistens mit einem „Nach langer schwerer Krankheit…“ beginnen und mit „…im Kreise der Familie“ enden. Denn das, was sich spätestens mit dem Spiel gegen Augsburg mehr als nur manifestiert hat, sollte uns allen vor die schockgeweiteten Augen geführt haben: Wir steuern auf das Unvermeidliche zu! Und wenn wir den ganzen Pathos von „niemals aufgeben“, „wer nicht kämpft, hat schon verloren“ oder „solange es rechnerisch möglich ist“ hinter uns lassen, wenn wir ehrlich zu uns sind, dann wissen wir das auch. Es ist der Moment, wo die Angehörigen um das Krankenhausbett stehen und mit einer Mischung aus feuchten Augen und festem Händedruck sich Mut zusprechen. Wenn der eine Mundwinkel hochgezogen wird, um etwas lächelnde Zuversicht zu demonstrieren, während der Blick Trauer und Verzweiflung ausdrücken. Natürlich ist es möglich, dass jetzt Dr. House noch eine zündende Idee hat, oder der Osterhase oder sogar Gott für das Wunder noch den Finger aus dem Himmel streckt. Möglich ist sowas. Aber auch wahrscheinlich?

Zahn und Wurzel 

Und wenn wir weiter ehrlich zu uns sind, wissen wir, dass die aktuelle Situation nicht aus der aktuellen Situation resultiert, sondern dass der Patient schon länger krank ist. Und dass diese Krankheit gestreut hat. Seit Jahren. In den Kader, in die Etagen der Entscheidungen, in die ausbleibenden Zuschauerzahlen, in Identifikation und Außendarstellung, in Verbundenheit und Liebe. Und dass wir uns gern eingeredet haben – auch ich – dass es anders ist. Oder anders sein sollte. Wir wussten, dass unter der Füllung der Zahn eigentlich schwarz war und es irgendwann an die Wurzel gehen wird. Es gab immer wieder Argumente für „so schlimm ist es nicht“ oder „es gibt und gab doch auch gute Tage“. Alles verständlich, aber eben auch nicht restlos ehrlich. Eher verklärt. Voreingenommen. Wie bei allem, was man gern hat. Und natürlich kann man jetzt noch einen Guru aus dem Himalaya mit ner schamanischen Heiltechnik einfliegen, der noch mal eine geheimnisvolle Salbe aufträgt oder eine experimentelle noch nicht zugelassene OP-Technik ausprobieren. Und wahrscheinlich wird das ja auch passieren – mit ungewissem Ausgang. Aber wenn wir ehrlich sind, befinden wir uns eher im Bereich der Palliativ-Medizin. Die Situation annehmen, Schmerzen lindern, die Würde behalten. Das kann ja auch befreiend sein. Vielleicht setzt dieses Bewusstsein auch noch mal Kräfte frei für das besagte Wunder. Wer weiß. Die Wahrscheinlichkeit ist eine andere. 

Die Blutwerte sagen: 0,9 Punkte im Schnitt. Für den direkten Klassenerhalt in den kommenden elf Spielen ist ein Schnitt von 1,4 nötig, um überhaupt eine Chance zu haben. Oder anders gesagt: es braucht 4 Siege und 3 Unentschieden, weil in den letzten 20 Jahren im Schnitt 35 Punkte nötig waren um die Klasse direkt zu halten, in den letzten 10 Jahren reichten sogar 34. Aber lieber Nummer sicher. Der VfL hat in der bisherigen Saison in 23 Spielen 5 Siege und 5 Unentschieden geschafft. Unmöglich ist das nicht, so eine Serie zu starten. Aber gibt es die berechtigte Hoffnung auf so ein Fußballwunder? Außer diesem besagten Prinzip Hoffnung? Oder sollten wir uns ehrlich machen, dass man ausgerechnet jetzt fast so viele Punkte holt wie in der gesamten Saison bisher? 

Trotziger Herzschlag

Ich glaube, viele von euch haben sich schon ehrlich gemacht. Zumindest innerlich. Ich stand gegen Augsburg nach langer Zeit mal wieder in Block 05, für den ich problemlos am Spieltag im Ticket-Shop eine oder mehrere Karten hätte kaufen können. Ganz regulär. Vor so einem wichtigen Spiel. Im Herzen der Nordkurve. Auch das sagt viel aus. Ich sah dort in die Gesichter. Eine Mischung aus Lethargie, Trauer, Wut, Verzweiflung der Angehörigen nach Abpfiff beim Blick auf den leblos verharrenden Patienten auf dem Rasen. Es fehlte nur das Bett und der Duft von Desinfektionsmitteln. Aber auch schon vorher: Wenn sich ein Führungstreffer eher anfühlt wie ein Ausgleichstreffer, wenn man eigentlich schon weiß, dass es trotzdem wohl nicht reichen wird. Wenn es absehbar genauso kommt, wie angenommen – dann fühlt man das Unvermeidliche, auch wenn man es noch nicht restlos eingestehen möchte. Tapfer stemmt man sich dagegen, versucht in Gesang und Unterstützung noch mal das zu mobilisieren, was innen drin seit Jahren immer weiter erodierte. Müde gehen die Fäuste nach oben. Immer wieder. Trotzig. Ohne Effekt. VfL, VfL, VfL. Wie ein langsamer werdender Herzschlag. Elvis has closed the building.  

Rote-Krautwurzel-Smoothie

Es ist jetzt auch müßig, darüber zu diskutieren, was man vor Jahren hätte anders machen sollen. Weniger Rauchen. Weniger über die eigenen Verhältnisse leben. Doch mal zur Vorsorge gehen. Lieber den Rote-Krautwurzel-Smoothie als das achte Weizen. Nicht so arrogant sein, es könne einem nichts passieren. Schließlich hat man ja beste Voraussetzungen. Viel strukturelle Muskelmasse, ein stabiles Immunsystem, Privatpatient mit Vorzugsbehandlung im Vergleich zum Rest im Bundesliga-Wartezimmer. Wofür braucht es einen Check-Up? Wofür Demut? Natürlich wäre das hilfreich gewesen. Aber hilft es jetzt noch? Soll man jetzt noch mal den Arzt wechseln? Oder die lebenserhaltenden Maßnahmen einstellen? Ruhe und Frieden. Und danach geht es irgendwie weiter? Ich weiß es nicht. Und das ist eigentlich das Schlimmste. Das alles so egal scheint. Und denen, die das ändern könnten, anscheinend auch egal ist. Sonst würden sie anders agieren. Die eigenen Gebete, die guten Wünsche, das Daumendrücken, der nächste Blog-Eintrag, die nächsten warmen Worte im Wölferadio. Also der letzte Rest an Unterstützung aus der Herz-Lungen-Maschine. Alles scheint bedeutungslos. Ohnmächtig in Anbetracht der Tatsachen. Tristitia letalis. Tödliche Trübsal. So würde die Krankheit wohl auf Latein heißen. 

Im Kreis der Familie

Solche oder ähnliche Texte habe ich in den vergangenen 15 Jahren hier häufig geschrieben. Daran sieht man auch, dass wir hier aktuell nicht über einen plötzlich auftretenden Schlaganfall oder Kreislaufkollaps reden, sondern über einen schleichenden Krankheitsprozess. Und normalerweise ende ich immer mit einer kämpferischen Ansage „wir müssen, wir sollten, wir sind optimistisch“. Weil die Alternative nur die Überprüfung einer gewissen Experten-These sein würde, ob beim Hinablassen ins Grab der zweiten Liga uns doch jemand eine Träne nachweint. Früher hätte ich noch mal die Faust nach oben gereckt. Alternativlos. Das kann ich aber nicht. Es wäre unehrlich. Wir sind müde. Ich bin müde. Weil ich nicht mehr erkennen kann, ob dieser Einsatz einen Unterschied machen würde oder nicht. Es sind andere am Zug. Und auch hier kann ich nicht sagen, ob das einen Unterschied macht. Ich kann nur sagen: Egal, wie es ausgeht, wir haben eine Verpflichtung. Eine würdevolle. Es geht um das Vermächtnis von Roy, das Andenken von Krzysztof, die Magie von Grafite, das Genie von Kevin, die Schlachten von Lautern, Hoffenheim und Braunschweig. Alles, was uns als VfL-Familie zusammengebracht hat. Und wenn wir tatsächlich eine Art Familie sind, dann werden wir auch das durchstehen, was da in den kommenden Wochen von der Wahrscheinlichkeit her passieren wird. Zur Not auch das Schlimmste. Wir werden uns gemeinsam am Krankenhausbett stützen und das Beste hoffen. Wenn wir eine VfL-Familie sind. Sind wir? 

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