Dienstag , Oktober 27 2020
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#pottnachwob – Wolfsgeheul goes Berlin

Pokal-BerlinEigentlich wollte ich, so kurz vor dem großen Finale, etwas schreiben über die Art und Weise wie mit uns Fans und dem VfL Wolfsburg umgegangen wird. Wollte die Dortmunder zitieren, von Watzke bis Klopp, wie sie über uns herziehen, verspotten und gleichzeitig ihren Verein überhöhen bis sogar Lothar Emmerich vor Scham von seiner schwarz-gelben Wolke fällt. Wollte mich aufregen, über die aktuelle Ausgabe der Sportbild, wo auf dem Titel zwar 14 Seiten über das morgige Ereignis angekündigt werden, aber eigentlich alles nur im Zeichen von “Klopps großes Finale” steht und wir höchstens eine Randnotiz sind. Offenbar gerade gut genug, den Sparringspartner für den großen und beliebten Champion zu geben. Der ohnehin schon fest steht, wenn man den Quoten der Buchmacher glaubt. Wollte noch mal die populistischen Schreiberlinge der Republik von Alfred Draxler über Atze Schröder bis Micky Beisenherz (was ist das überhaupt für ein Name?!) rhetorisch geißeln, widerlegen und die Frage stellen: wenn einem dauernd fehlende Strahlkraft vorgeworfen wird, aber alle maßgeblichen Medien genau diesen (unzutreffenden) Vorwurf ständig widerholen – wie soll man dann die Chance haben, diese Strahlkraft zu entwickeln? Aber Logik und Ehrlichkeit ist ja was für FIFA-Funktionäre.

Wolfsgeheul-miniAber ich werde nichts dergleichen machen. Mich nicht aufregen über die Ungerechtigkeiten. Den polemischen Mist, der da produziert wird. Und nein, liebe Dortmunder, “polemischer Mist” ist jetzt keine Beleidigung für euren Blaszczykowski. Vielmehr möchte ich darüber schreiben, wie’s mir geht. Wie es ist, wenn sich der Magen mittlerweile anfühlt wie nach drei Portionen Chili mit Sauerkraut. Oder wie früher vor der Engtanz-Klassenparty, wo der Schwarm schon Tage vorher auf dem “Ja, Nein, Vielleicht”-Zettel Interesse an einem Klammergriff gezeigt hatte. Oder dass es in meinem Kopf mittlerweile zugeht, wie beim Rundgang im Hoeneß-Knasthof. Da kommt man auch immer am selben Wärter vorbei. Bei mir sieht das geistig so aus: Pokalfinale – Essen – Trinken – Pokalfinale – Auto fahren – Pokalfinale – Schlafen – Einkaufen – Pokalfinale usw. Und ich weiß, dass es ganz vielen von uns sehr ähnlich geht. Weil wir spüren, welche Chance sich uns und unserem Verein bietet, diese auf fast allen Gebieten unfassbare Saison noch zu krönen. Einen Titel zu holen. Natürlich wäre das Wahnsinn, fantastisch, traumhaft. Aber es geht um mehr als den Pott. Es geht mal wieder darum, vor den Augen von mindestens ganz Fußball-Deutschland ein Zeichen zu setzen. Uns muss klar sein, dass man genau hinschauen wird, wie wir uns präsentieren – auf und neben dem Platz. Friedlich, enthusiastisch, leidenschaftlich, zahlreich. Auch wenn wir wissen, dass wir zahlenmäßig in der Unterzahl sein werden. Aber das ist nicht so wichtig, wenn wir an uns und unsere Mannschaft glauben und sie bedingungslos unterstützen. Mit Begeisterung. Dazu gehört, auch schon vorher auf den Fanfesten oder beim Public Viewing und anschließend dem Empfang der Mannschaft in Wolfsburg sympathisch auftreten. Erfolg ist eine Sache, dass der VfL anders und besser wahrgenommen wird. Wie wir uns präsentieren eine weitere. Vielleicht werden wir nicht geliebt. Aber lasst uns gemeinsam in Berlin verdammt noch mal den Respekt erarbeiten, den wir verdienen. Fühlen und denken so Anhänger eines seelenlosen Retortenclubs, die mit Freikarten ins Stadion gelockt werden müssen?! Ich glaube nicht.

Dieter Hecking hat gestern in einem Interview gesagt: “Ob das jetzt Jürgens letztes Spiel ist, und wie die Dortmunder damit umgehen, ob die Borussia das letzte Spiel von Klopp lähmt, beflügelt oder emotionalisiert, interessiert mich alles überhaupt nicht. Wir müssen uns selbst emotionalisieren, was aber nicht schwierig sein wird. Wir wollen den Menschen im Stadion und vor den Fernsehgeräten zeigen, warum der VfL in diesem Jahr den Sprung auf die nächsthöhere Stufe geschafft hat.” Und zwar zu einem Club, der schon lange mehr ist, als das, was ihm unter anderem die oben genannten Herren immer wieder andichten wollen. Und nein, emotionalisieren müssen wir uns bestimmt nicht. Schließlich hat es 20 Jahre gedauert, bis wir mal wieder nach Berlin fahren dürfen. Ich war damals dabei. Berlin schuldet mir also was. Und dann spielen wir noch für jemanden, der nicht mit auf dem Rasen stehen kann. Um ihn zu ehren trägt unsere Mannschaft ein grünes Herz mit der Nummer 19 auf der Brust. Wenn ich darüber nachdenke, ist es immer noch ein Stück unfassbar, was auf unseren Verein im vergangenen halben Jahr alles eingeprasselt ist. Ich weiß, es ist schwer vergleichbar. Aber die Dortmunder sollen nicht glauben, dass der Abschied eines beliebten Trainers höher zu bewerten ist, als unser Gedenken an Junior. Geschweige denn, dass sich von der Situation auf schwarz-gelber Seite irgendein Anspruch ableitet. Ich kann mir jedenfalls gut vorstellen, wie unsere Mannschaft darüber denkt. Und da stehen wir wieder vor so einem Moment, der vieles verändern kann. Als ich Ende Januar das Wolfsgeheul zum Rückrundenauftakt gegen Bayern schrieb, habe ich ähnlich empfunden. Was dann folgte, war eine Art Urknall. Ein 4:1, eine würdevolle Beileidszeremonie, insgesamt ein starkes Signal, dass uns viel Respekt eingebracht hat. Weil es damals so gut geklappt hat, möchte ich in Anlehnung ähnliche Worte sagen: Lasst uns alles geben, um in Berlin unserem Verein Ehre zu machen. Und dann schlagen wir Borussia Dortmund. Für Junior. Für uns.

In diesem Sinn: Bleibt geschmeidig!

#pottnachwob #immernurdu

20 Kommentare

  1. Super Text und ein drittes Mal poste ich selbst meinen BEitrag nun nicht hier. Aber du sprichst mir aus der Seele – und das dieses Mal ganz ohne Wehleidigkeit und „wir armen Wolfsburger“. Toll!

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  2. Lenny,

    du sprichst mir aus der Seele und mir geht es genauso wie dir. Aufstehen – Pokalfinale – Arbeiten – Pokalfinale – essen/Trinken – Pokalfinale. Das wird morgen einfach überragend und ich hoffe es wird ein Spiel, über das noch lange gesprochen wird und das mit uns am Ende einen verdienten Sieger hat. Ein Spiel wie in Leverkusen in dieser Saison auch morgen wäre doch was, oder?

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  3. Danke für den tollen Post.

    Ist das Foto mit dem Plakat („Wir fahren nach Berlin, um was zu reissen“) eine Montage oder gibt es dieses Plakat wirklich (wenn ja, wo?)

    Beste Grüße

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  4. Gänsehaut. :knie:

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  5. Genau soooooooooooo…
    Heiß wie Frittenfett!!!

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  6. Mir geht’s eigentlich so „Gewinn das Finale-Gewinn das Finale-Gewinn das Finale-Gewinn das Finale-Gewinn das Finale …“
    Ich hab heute das fünfte mal in Folge vom Finale geträumt, immer mit einem 3:2 für unseren VfL :knie: vor dem 4:1 gegen Bayern hab ich von einem 2:0 geträumt…. :vfl:

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  7. dafür, dass du schreibst:

    „Aber ich werde nichts dergleichen machen“

    hast du davor aber immerhin einen ganzen Absatz über genau dieses Thema geschrieben. du hast es also doch getan…

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    • so geht Literatur…..

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    • Tut mir leid :vfl:

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    • Exilniedersachse

      Für mich eines der Highlights im Text. Tolles Stilmittel und toll eingesetzt. Allein über diesen Satz und wie er drastisch den inhaltlichen Schwerpunkt auf den folgenden Teil legt und die Sichtweise auf den ersten Teil ändert und das Spiel mit der „Erwartungshaltung“ könnte ich Seiten lang philosophieren.

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  8. Der „normale Fan“ strebt in meiner Wahrnehmung allzu sehr nach dieser Norm-alität. Und wer bestimmt, was Norm ist?
    Ist normal:
    mindestens so viele Fans wie Dortmund oder Schalke?
    Mindestens so arrogant wie Bayern?
    Mindestens so radikal wie die Frankfurter?
    Mindestens so vordergründig, wie die BLÖD es will?
    Ist normal immer mindestens so wie?
    Als der VfL in die Bundesliga aufstieg hatte ich das Gefühl, dass sich da was Besonderes, was Eigenständiges entwickelt. Aber schon wenige Jahre danach haben es .die „Besserfans“ geschafft, sich externen Normen zu unterwerfen und sich dem Cattiva-Credo der vermassten Anhängerschaften anzuschließen.
    Ja, es wäre schön, ein typisches Wolfsburger Selbstbewusstsein zu restaurieren. Niemand aus dieser Stadt – und das sage ich mit 400 km und 45 Jahren Distanz – muss sich mit irgend jemand messen lassen. Was diese Stadt aus eigener Kraft und eigenen Mitteln geschaffen hat, das kann sich aus purem Selbstbewusstsein sehen lassen! Ohne die Tüchtigkeit der Wolfsburger wäre VW kein Weltkonzern geworden. Ohne die Kraft zur Selbstgestaltung hätten diese Wolfsburger auch keinen Verein ins Leben gerufen, der Weltrekordler, Weltmeister und Olympiasieger hervorgebracht hat. Und ohne Selbstbewusstsein – mit dem ewigen Schielen auf auf Vergleiche zu anderen Fangruppen – wird man eben auch keine kraftvolle Persönlichkeit als Wolf unter Wölfen darstellen. Was stört es denn einen Wolf, wenn die Schafe bei seiner Jagd angstvoll blöken? Wenn sie sich beschweren, dass sie vom Schicksal zahnlos ins Leben gestellt wurden?
    Seid doch ECHT! Hört auf, euch immer auf das Mindestmaß der Massen runter ziehen zu lassen!
    Ich möchte, dass Wölfe den Unterschied zwischen kraftvollem Heulen auf der Jagd und jammervollem Jaulen unter der Couch wiederentdecken. Sowas sollte man den Pinschern überlassen. Ja, daran erkennt man, wer Wolf und wer Fußhupe ist!
    In Berlin kann man zeigen, dass diese Stadt und dieser Verein zu sich selbst stehen!

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    • Genial!

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    • Exilniedersachse

      Was ist denn hier heute los. Wer Wolf und er Fußhupe ist… Ich kann gleich nicht mehr

      Dazu noch das Spiel im Bild oben mit was zu reissen…

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  9. Naldo musste das Abschlusstraining abbrechen. Fällt warscheinlich aus…
    Laut sport1

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  10. Exilniedersachse

    Bisher haben mir persönlich deine Texte nicht so gefallen. Dieser Text ist aber eine ganz andere Liga. Für mich das mit gigantischem Abstand das beste was ich von die gelesen habe. Von mir einen Glückwunsch und ein Dankeschön für diesen Artikel. Habe jede Zeile gern gelesen. Ich wiederhole mich aber Hut ab, Inhalt und Stil treffen bei mir zu 100% den richtigen Nerv.
    :huldigen:

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  11. Hab ein gutes Gefühl für heute! Geschichte machen – Pokal holen – Junior gedenken – und feiern,bis in die Morgenstunden

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  12. Sehr toller Text, danke :).
    #pottnachwob ist auf instagram noch unterrepräsentiert. Meine Grafik eben war erst das 34. Bild. Da geht noch mehr :D.

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    • Könntest du akzeptieren, dass Menschen, die Wert auf Schutz ihrer Persönlichkeit legen, Fratzebuch und Instagram verweigern?
      Würde es dich überraschen, wenn Wölfe-Fans eben nicht den Wettbewerb der Massen suchen, sich nicht unterrepräsentiert sehen, wenn sie nicht in jeder Ansammlung von Selbstdarstellern paritätisch vertreten sind?
      PS: Ich persönlich finde BVBler in diesem Blog auch numerisch unterrepräsentiert.
      Und das ist auch gut so.

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