Mittwoch , Oktober 28 2020
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VfL Bus
Foto: funky1opti

Späte Rückkehr

VfL Bus
Foto: funky1opti

Es ist Samstag Abend. Die 5:1 Niederlage steckt noch in meinen Knochen. Wo ich sonst frustriert sämtliche Fußballsendungen gemieden und mich anderen Dingen zugewendet hätte, bleibe ich an diesem Abend vor dem Rechner hängen und diskutiere mit anderen Fans über die Niederlage. Nebenbei läuft die ARD Sportschau.
Noch einmal sehe ich die schmerzhafte Niederlage und werde wütend.
Verlieren ist das eine, in Deutschland zur Lachnummer zu werden das andere.

Dortmund
Foto: Peter Fuchs

Dortmund, ausgerechnet Dortmund. Der Verein, der wie kein anderer in Deutschland stets bemüht ist Traditionsklubs und Werksklubs zu separieren und uns an den Pranger zu stellen. Man kann das Grinsen von Achim Watzke in der Vip-Lounge praktisch spüren. Es wird eine große Genugtuung für den Dortmund-Manager gewesen sein. „Tradition siegt über modernen Plastik.“

In Wolfsburg glauben wir seit der Meisterschaft fest daran, dass Geld doch Tore schießen kann. Wer mehr investiert, bekommt die besseren Spieler und wird sich über Kurz oder Lang in der Bundesliga durchsetzen – so unsere feste Überzeugung gegenüber kritischen Stimmen.
Doch seit nunmehr über 2 Jahren und unzähligen Millionen später beginnt dieser Glaube zu bröckeln. Der Leidensweg ist noch nicht vorüber und ein Ende weiterhin nicht in Sicht.

Ich reibe meine Augen. Im Zimmer ist es dunkel und das Licht des Monitors schmerzt in meinen Augen. Im TV verkündet gerade Hape Kerkeling, dass er nicht „Wetten, dass…?“ übernehmen wird.
Mir reicht’s!
Ich mache den Computer aus und gehe an den Kühlschrank – leer. Mist, ich habe vergessen einzukaufen. Nichts zu trinken, nichts zu knabbern.
Ich brauche dringend Schokolade. Eine Dosis Fröhlichkeit aus der Packung.

Supermarkt
Foto: rhodes
Spontan steige ich in mein Auto und fahre los. Doch leider zu spät. 22.05 Uhr. Sämtliche Läden haben vor 5 Minuten geschlossen. Einziger Ausweg – die Tankstelle.
Doch noch auf dem Weg fällt mir ein, dass es in Wolfsburg einen Supermarkt gibt, der bis 24 Uhr offen hat. Also los.
 
Auf dem Parkplatz angekommen bin ich erstaunt. Es parken mehr Autos als zu normalen Geschäftszeiten. Das junge Volk ist auf dem Weg zur Disko und ordert noch kurzfristig Alkohol und Zigaretten.
Neben mir parkt ein Auto mit zwei zwielichtigen Gestalten hinter der Frontscheibe. Laute Techno-Musik dröhnt aus den Boxen. Dumm schaut mich der Beifahrer an. Der Lenker des Wagens hatte zu dicht neben meinem Fahrzeug gehalten, so dass ein Aussteigen für ihn unmöglich ist.
Ich schüttle den Kopf. Dennoch starte ich erneut den Motor und parke lieber um. Der wenige Platz hätte ihn nicht davon abgehalten es zu versuchen. Eine Schramme an meinem Auto hätte an diesem miesen Samstag noch gefehlt.

Kekse
Foto: schoschie
Ich kaufe eine große Tüte Schoko-Kekse, Cola und eine Tiefkühlpizza.
An der Kasse bin ich angewidert von zwei gelackten Typen mit viel Gel im Haar, die offenkundig dabei waren ihnen zwei unbekannte Mädels in der Schlange vor ihnen auf primitive Art anzubaggern. Beide waren offensichtlich schon angetrunken, laut und unverschämt.
An der Kasse werden die beiden jungen Männer, die nur zwei Flaschen Wodka auf dem Laufband stehen hatten von der Kassiererin nach ihren Ausweisen gefragt. Die Mädels müssen lachen.
Ich schmunzle ebenfalls in mich hinein.

Ich zahle, steige in mein Auto und fahre los. An der Ausfahrt muss ich halten und auf den vorbeifließenden Verkehr warten – und dann sehe ich sie:

VfL Bus
funky1opti
Direkt gegenüber am alten VfL Stadion hält ein großer Reisebus. Viele Menschen in grüner Kleidung steigen aus. Es sind Trikots des VfL Wolfsburg.
Sofort wird mir klar: Das ist einer der Fan-Busse, die aus Dortmund zurückkommen.
Die Schals und Fahnen hängen zu Boden, frustrierte Gesichter schauen mich an. Die meisten Fans überqueren die Straße und kommen auf mich zu. Auf dem benachbarten Parkplatz stehen ihre Autos.
 
Es ist 22.40 Uhr – im Radio läuft auf NDR 2 passend zu dieser nächtlichen Begegnung die Zusammenfassung des Spieltages. Die Niederlage erneut in den Ohren, und die enttäuschten Fans vor Augen fahre ich zurück nach Hause.

Die weite Reise, die späte Rückkehr, und das alles bei dieser heftigen Niederlage zollen mir Respekt ab.
Wie viel frustrierter und wütender müssen diese Fans jetzt sein?

Deshalb gilt mein großes Lob heute mal den vielen Fans, die stets weite Reisen und viel Zeit in Kauf nehmen, um unseren Verein auswärts zu unterstützen.

Hoffentlich kommen bald bessere Zeiten!

5 Kommentare

  1. Coprolalia under Control

    Wow, Respekt. Nach meiner Kritik z.B. von letzter Woche, ist dieser Text der Beste den ich bisher hier gelesen habe. Ein großer Spannungsbogen, sehr gut geschrieben. Dauernd dachte ich das Du einen Spieler des VfLs sich in der Tanke daneben benehmen siehst… Doch es kam ja anders. Dein emotionaler Text zollt mir Respekt. Danke für die Zeilen und mach weiter so. Du hast Dich stark verbessert. Thumbs up!

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  2. Toll ! Da kriegt man Gänsehaut….

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  3. Wirklich sehr gut geschrieben, bei der Passage mit den Typen und der Kassiererin musste ich auch lachen. :-)

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  4. Schöne Geschichte. Die armen Heimkehrer. Zur Zeit haben es Fans auf Auswärtsfahrten wirklich sehr schwer. Woher nur diese Unsicherheit und Angst im gegnerischen Stadion rührt?

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  5. Das klint ja richtig melancholisch – armer HuiBuh!

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