Donnerstag , Oktober 22 2020
Home / News / Wunschzettel auf der Stadionwurst

Wunschzettel auf der Stadionwurst

Also, ich fand es beim Spiel in Köln total nett. Hinterher in der vollen U-Bahn hat man mir n Platz angeboten. Nur weil man VfL-Fan ist. Auch die Sprüche, waren total aufbauend: „Egal, wie scheiße der FC spielt, für Wolfsburg reichts immer noch.“ Da fühlt man sich gleich noch mal besser. Ich find, da hätte unsere Truppe ruhig mal mitfahren dürfen. Wie viel Spaß das macht. Und dabei gehts mir gar nicht um die Blamage. Selbst die Kölner können ja nicht alle Spiele verlieren. Mir gehts mal wieder um die Art und Weise, wie unsere Farben „vertreten“ wurden. Jeder Möchtegern-Doppelpass-Sky-Trainingskiebitz-Hobby-Bundestrainer hats vorher ja gepfiffen: Pass auf, Wolfsburg ist wieder der hervorragende Aufbaugegner, wie für viele Kellermannschaften zuvor. So, und jetzt, liebe Profimannschaft des VfL, habe ich ein paar Fragen: Ich mein, nur weil das so viele Hab-ich-doch-gesagt-Typen vorher rauskamellt haben, heißt es ja auch nicht, dass es tatsächlich passiert. Ist ja keine kosmische Sternenkonstellation, oder so.

Deswegen meine Frage 1: Wenn ich genau weiß, was mich da erwartet, es alle schon Wochen vorher sagen: Warum tu ich dann von Anfang an alles dafür, dass es auch genauso kommt? Vorhersehbar wie das Ende in einem Dolly Buster-Film. Nur, dass man am Samstag das Taschentuch brauchte, um sich die Reste der ausgespuckten Stadionwurst aus den Mundwinkeln zu wischen. Warum geh ich ins Spiel zögerlich, ohne Offensiv-Bemühungen, pomadig, langsam in der Rückwärtsbewegung, baue den Gegner durch schlechte Zweikampfführung auf, lasse das Publikum ins Spiel kommen, versaue es mir mit den eigenen Fans?

Frage 2: Wann hat der VfL in dieser Saison gut gespielt und wann nicht? Der VfL hat immer dann gut gespielt, wenn er Risikobereitschaft gezeigt und druckvoll agiert hat. Siehe Gladbach. Siehe nach den Rückständen in Leverkusen, auf Schalke, in Bayern. Nach dem Ausgleich gegen Leipzig. Der VfL hat immer nicht gut gespielt, wenn er abwartend agiert hat, das Spiel verwalten und durch Ballstafetten kontrollieren wollte. Gegen Hannover, Mainz. In Hamburg, jetzt in Köln. Ich hoffe mal nicht, dass es nur an den Namen liegt, die oben besser klingen. Ich dachte nämlich, „Morbus Draxler“ hätten wir hinter uns. Das ist ja die Krankheit, immer nur dann sich voll reinzuhängen, wenn der Gegner namhaft ist. Also – mal abgesehen davon, dass ich gar nicht 90-Minuten-Vollgas-Vorwärtsfußball erwarte – frag ich mich trotzdem: Wenn das doch offenbar zu meinen/euren Stärken gehört , warum setze ich da nicht noch mehr drauf? Ihr habt doch gezeigt, dass es geht.

Winterschuhe in der Tabelle

Frage 3: Habt ihr schon mal auf die Tabelle geschaut? Platz 12, 19 Punkte. 20 sollten es bis zum Winter sein. Ziel verfehlt. Setzen. Ganz nüchtern. Zur Erinnerung. Letzte Saison zu diesem Zeitpunkt: Platz 12, 19 Punkte. Ende bekannt. Nasse Schuhe in Braunschweig. Vier Jahre meines Lebens verloren. Ich gehe davon aus, dass das keiner von uns noch mal braucht. Ja, ihr spielt besser. Ja, ihr seid eine Mannschaft, die den Namen auch mittlerweile eher verdient als letztes Jahr. Ja, ihr habt unter dem neuen Trainer nur zwei Mal verloren. Und ja, es ist ein Umbruch-Jahr. Können wir deshalb zufrieden sein? Oder liegts genau daran? Könnt ihr mit Lob nicht umgehen, wie nach dem Gladbach-Spiel? Oder fühlt ihr euch nicht genug unterstützt? Schreibt doch mal n Wunschzettel, ist ja bald Weihnachten. Das klappt vielleicht. Hier ist schon mal meiner. Ich wünsche mir:
– Weiterkommen gegen Nürnberg ohne Wenn und Aber mit einer engagierten Leistung
– vernünftige Vorbereitung im Januar
– Einfahren der mindestens 21 Punkte gerade gegen „schmucklose“ Gegner und zwar ASAP.

Xbox beim Rudern

Ich finde, dass ist ein Wunschzettel wie von nem 10-Jährigen, der keine Xbox will oder n Iphone, sondern n Kartenspiel und ne Holzeisenbahn. Also nicht zu viel verlangt, wollte ich sagen. Wenn ihr das anders seht, ruft mich gern an. Ach ja, und passt ein bisschen auf euch auf: Der Daniel Didavi hat am Samstag aus Verzweiflung mehr mit den Armen gerudert als der Deutschland-Achter. Bloß nicht die Schulter auskugeln. Und sagt dem Divock: Er braucht sich nicht die ganze Zeit am Flügel festzudribbeln, weil er denkt, dass wir den Calli vermissen. Wir mögen ihn auch so.

In diesem Sinn: Bleibt geschmeidig!

14 Kommentare

  1. Tja Lenny, alles auf den Punkt gebracht … nur leider will mir dieses Mal kein Lächeln über die Lippen huschen

    Eigentlich bin ich schon einer aus der „gebt-den-Jungs-und-dem-Trainer-doch-mal-Zeit-und-Stück-für-Stück-geht’s-aufwärts-Fraktion“ … aber alles was nach Gladbach kam, war wirklich nicht mehr mit einer „kleinen Entwicklungs-Delle“ zu begründen.

    wenn wir wirklich schon wieder (gerade nach der letzten Saison) an den Punkten „Motivation und Einstellung“ angekommen sind …. trotz Austausch des halben Kaders, trotz neuen Trainer … dann glaube ich so langsam wirklich an die „Wolfsburg-Krankheit“, die hier über kurz oder lang jeden befällt …

    vielleicht bin ich da zu blauäugig, aber ich rechne morgen trotzdem mit einem Weiterkommen. So kann sich die Mannschaft nie und nimmer in der Winterpause verabschieden!

    10
  2. „Wann hat der VfL in dieser Saison gut gespielt und wann nicht? Der VfL hat immer dann gut gespielt, wenn er Risikobereitschaft gezeigt und druckvoll agiert hat. Siehe Gladbach. Siehe nach den Rückständen in Leverkusen, auf Schalke, in Bayern. Nach dem Ausgleich gegen Leipzig. Der VfL hat immer nicht gut gespielt, wenn er abwartend agiert hat, das Spiel verwalten und durch Ballstafetten kontrollieren wollte.“

    Das ist genau mein Ansatz. Und zwar seit Monaten.

    Wir gehen ins Spiel und verwalten das Ergebnis. Aus Angst vorm Gewinnen? Aus Angst vorm Verlieren? Man weiß es nicht. Man kann ins Spiel gehen und erstmal reagieren, kein Problem. Man kann ins Spiel gehen und agieren, ja bitte unbedingt. Aber man kann nicht ins Spiel gehen und ab Minute 1 das Spiel verwalten.

    Unabhängig vom Matchplan des Trainers (der diesmal nicht aufgegangen ist) und von allen taktischen Gegebenheiten muss man da als Spieler mal sein Gehirn benutzen! Der Trainer hat gewiss nicht die Vorgabe erteilt ein 0:0 in Köln zu verwalten.

    Wenn er also vorgibt, das man dominant sein soll und Fussball spielen soll, dann heißt das nicht hinten rum und auch nicht das man das Ergebnis verwalten soll, sondern dann heißt das das man den Gegner in der gegnerischen Hälfte einschnüren soll, ihn laufen lassen soll, den Ball solange laufen lassen soll, bis sich die Lücken ergeben und wenn sich diese Lücken ergeben, dann muss man da auch reinspielen – und zwar ohne das der Trainer reinruft „Hallo Malli, Augen auf, die Lücke ist da.“ In der Sekunde wird sie nämlich schon wieder von den Kölnern zugelaufen.

    Wir waren einfach zu doof. Ein anderes Wort gibt es dafür nicht. Schlichtweg zu doof.

    12
  3. Es ist das erste Mal, dass mir kein Lächeln gelingen will.
    Danke Lenny, Deine Analyse ist komplett so zu unterschreiben.
    Wir bekommen es einfach nicht hin, hier ne homogene Einheit hin zu stellen auf den Platz.
    Keine Strategie erkennbar. Einzelkönner, ja manchmal wollen Sie zeigen, was Sie können.
    Aber das am Samstag war pure Arbeitsverweigerung.
    Sie haben gegen den Trainer, Ihren Vertrag und gegen uns Fans gespielt.
    Ich bin noch immer erschreckt über den Auftritt.
    War ja immer um Ausgleich und Abwarten bemüht, aber ich bin resigniert. Komplett… Und das ist gar nicht gut.

    3
    • Resigniert bin ich nicht. Wir müssen auch nach vorne gucken und dürfen uns jetzt auch nicht verrückt machen lassen. Ist eher so ein Aufgepasst! und nicht alles Tutti-Gefühl. Da dürfen wir uns auch nicht selbst einlullen. Ich habe da großes Vertrauen in den Trainer und die sportliche Führung, weil denen so ein Auftritt auch nicht gefallen kann. Bin also eher im Kampf- als im Klage-Modus. Demnächst wird’s im Wolfsgeheul auch mal wieder lustiger…

      6
    • Dank Dir Lenny, aber die Entwicklung in den letzten Jahren ist mir fast die selbe.
      Der Trainer kann da nicht viel bewegen, wenn so neben allen eigentlich selbstverständlichkeiten gekickt wird.

      3
  4. Mein Gefühl nach dem WE? Die Hoffnung mal erfolgreicheren Fußball zu sehen wurde mir den letzten 3 Spielen vorerst zunichte gemacht. In nahezu identischer Weise haben wir die letzten beiden Saisons auch gespielt. Ich erwarte morgen in Nürnberg maximal einen langweiligen Sieg.
    Momentan gibt es viele tolle Spiele in der Liga (4:4 oder 3:4), die ich aber ohne Erfolge des VfL einfach nicht genießen kann. Bei einer Niederlage will ich an einem WE überhaupt keinen Fußball sehen. Ich habe wenig Glaube daran, dass es besser wird.

    4
  5. Danke Lenny! „Bang on“, wie der Schwede sagt… Treffend analysiert und vorzüglich formuliert, dem ist nichts hinzuzufügen.
    Eine Frage habe ich allerdings auch: Denkt Ihr, dass es da intern am Wochenende ordentlich gerappelt hat im Karton? Dass man solche Dinge besser im Kreise der Familie klärt und nicht nach außen trägt, ist für mich eigentlich eine Selbstverständlichkeit, ich erwarte nach der Nummer aber auch eine Reaktion seitens des Vereins, der Verantwortlichen. Nur, damit alle wissen, was Phase ist und sich niemand etwas einreden kann („der Gegner war so stark“ oder ähnliches).

    2
  6. Morbus Draxler find ich gut :topp:

    2
  7. @andy Er ist ja auch mit am konstantesten in den letzten Spielen. Er müsste sich dann aber auch auf dem Feld mehr noch als Führungsspieler einbringen. Und den Ball noch eher spielen…

    0
    • War jetzt nicht negativ gemeint meinerseits.
      Finde es eher richtig gut, dass jemand es auch öffentlich anspricht. Lässt die Hoffnung in mir keimen, dass
      die Jungs wissen, was Sie veranstaltet haben in Köln bzw. nicht veranstaltet haben…

      0
  8. Gut analysiert.Dieses Spiel grenzte an Arbeitsverweigerung. Wenn der Torwart der beste Spieler ist sagt das schon alles.Martin Schmidt hat bisher schon einiges bewirkt,aber warum liefert er den Spielern ein Alibi?Die Aussage vor dem Spiel dass das Spiel gegen Köln das schwerste ist war in meinen Augen ein großer Fehler.So redet man eine Mannschaft stark.Die Aussage vom Reisestress hat mich auch sehr erstaunt.Sie fliegen nach Nürnberg. Wo ist da der Stress.Sorry, aber das verstehe ich nicht.Ich will hier nicht die Mannschaft in Schutz nehmen.Die Niederlage haben die Spieler zu verantworten,aber der Trainer ist auch Teil dieser Mannschaft.

    1