Samstag , Oktober 24 2020
Home / News / Mathelehrer im Jemen

Mathelehrer im Jemen

Tja, was soll man jetzt noch sagen. Relegation ist so wie der 53. Geburtstag von Schwiegermutter: Hat auch keiner Bock drauf, musste aber hin. Und ich sags euch ganz ehrlich, Freunde: Wer in 34 Spielen letztlich an einem Tor/Punkt scheitert, der muss halt die xtra-Mile gehen. Auch wenns weh tut. Passt ja mottomäßig auch prima zur Saison, insofern also alles richtig gemacht. Ich hätte das alles zwar nicht für möglich gehalten und frag mich die ganze Zeit, wann dieser dämliche blonde Kölner auftaucht, der aussieht wie Stefan Effenberg, und sagt: “Hey, verstehen Sie Spaß?!” Der ist mir aber schon lange vergangen. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so frustriert war. Ich glaub, da hab ich mit acht Jahren fünf Mal hintereinander beim “Mensch ärger dich nicht” gegen den Nachbarsjungen verloren. Seine Leiche suchen sie heute noch. Ich war Samstag nach dem Spiel so leer innerlich, Gina-Lisa kam schon vorbei und hat da ihr Gehirn gesucht. Hab für die Zeit nach der Relegation schon mal Urlaub gebucht. Als Entwicklungshelfer im Jemen. Irgendwie muss man ja wieder besser drauf kommen. Wenn ich nämlich die ganzen Kommentare lese bei uns und woanders, dann brauchen wir ja am Donnerstag gar nicht anzutreten. Am besten bleiben wir alle zuhause und schenken schon vorher ab gegen BS. Soll ja schönes Wetter werden, Vatertag, Rummel, kann man auch was anderes machen. Unsere Mannschaft besteht ja nur aus Vollversager-Söldnern, vom Platzwart bis zum Aufsichtsrat sollte man am besten alle morgen austauschen, werden eh zwei Auswärtsspiele, BS ist super gut drauf, die werden so brennen, unserer Truppe ist es eh egal, da haben wir eh keine Chance, eh besser in Liga 2 neu anzufangen, ich stelle am besten den Support ein, einmal Wolfsburg immer Wolfsburg in jeder Liga, aber jetzt ist echt mal Schluss. Und all das, was ich sonst noch so gelesen habe. Mir drängt sich da allerdings folgende Frage auf. So im Gesamtzusammenhang.

Habt ihr eigentlich den Schuss nicht gehört?!?!?!

Ja, die Situation ist kacke. Keiner wollte das. Ich hab am Wochenende so viel vor Wut gekotzt, mein Magenband hat schon gefragt, ob es ne Woche Freizeitausgleich nehmen kann. Aber ich weigere mich, das was jetzt auf uns zukommt, als ausweglos zu sehen. Wir haben zwei Spiele, in denen alles geht. Alles. Wir müssen diese Situation nur als Chance begreifen und nicht als Himmelfahrtskommando, auch wenn es der passende Tag dafür wäre. Ich bin so sauer und motiviert, dass mich der Jonker aufstellen sollte. Gut, wahrscheinlich gehe ich nach fünf Minuten mit ner umstrittenen Gelb-Roten vom Platz, aber wenigstens ist der 16er von BS dann umgepflügt und das Tor abgebrannt. Aber lass uns mal ernst bleiben. Und erstklassig. Jetzt werden sich viele von euch sagen, der Lenny hat am Laptop ja leicht reden, aber wie soll das gehen? Die Scheiß-Relegation als Chance sehen? Ich bin überzeugt, dass es geht.

Halsschlagader am Bumerang

1. Wir als Fans müssen einfach nur so weitermachen wie in den letzten Wochen und wie jetzt in Hamburg. Das war, ist und bleibt großartig. Und es tut weh, wenn es nicht von Erfolg gekrönt ist, klar. Aber wollen wir jetzt tatsächlich aufstecken? Lasst uns durch dieses Stahlbad gehen, denn darum geht es. Und die Liebe zum Verein wird durch das Leiden das Leidenschaft schafft noch intensiver werden. 2. Zeigen wir Fußball-Deutschland zwei Mal zur besten Sendezeit, was aus Wolfsburg auf den Rängen geworden ist. Wie in Berlin damals, wie gegen Real. Zwei Auswärtsspiele? Denen, die das behaupten, werden wir zeigen, was in uns steckt. Lasst uns demütig und friedlich die Aufgabe annehmen. Kein Tod und Hass dem BTSV, kein arrogantes “Ihr-Zweitliga-Pfeifen”-Gehabe, keine “hinter euch”-Plakate. Das kommt alles zurück wie ein Bumerang und hat uns auf allen Ebenen nicht geholfen – im Gegenteil. Ich hatte am Samstag einen VfLer bei mir in Hamburg im Block (Alter um die 50), der stand in der ersten Halbzeit 40 Minuten mit beiden Mittelfingern oben und versuchte, die Hamburger Fans nebenan zu provozieren. Als ich sagte, er soll doch lieber die eigene Mannschaft anfeuern, da fauchte er mich an: “Was willst du denn von mir, ich mach was ich will. Ich lass mich doch von dir nicht erlehren.” Ist kein Rechtschreibfehler übrigens. Ganz davon ab, dass ich Angst hatte, er würde mir mit seinen schlechten gelben Zähnen die Halsschlagader durchbeißen, meinte er noch zu mir: “Sei lieber ruhig, bist wahrscheinlich das erste Mal heute im Block.” So kann es nicht funktionieren, finde ich. Wir müssen alles der großen Sache, dem Verein und dem Überleben unterordnen. 3. und das ist der schwierigste Part: der Umgang mit der Mannschaft. Was unsere Truppe kann, ist: nüchtern, professionell das Spiel angehen. So wie gegen Hamburg. Erste Halbzeit bis zum Gegentor klare Überlegenheit, der bessere Fußball, alle Werte pro Wolfsburg. Scheiß Chancenverwertung. Was unsere Truppe nicht kann, ist mit Emotionen und Rückschlägen umzugehen. Dann beginnt das Zitterfüßchen, unerklärliche Hektik und Fehlpässe kommen. Fragt mich nicht warum, aber wird die Mannschaft über die Maße emotional aufgeladen, funktioniert es nicht. Mehr denn je, werden wir gerade in der Relegation keinen Erfolg haben, wenn wir Fehlpässe mit Pfiffen bestrafen. Dann kommt wie gegen Gladbach meistens der zweite folgenschwere hinterher. Wir müssen den Druck wegnehmen, in Ruhe arbeiten und dann spielen lassen. Und ein Gespür dafür haben, wie wir den emotionalen Rückhalt bilden, ohne den es nicht geht. Wir haben eine Kopf- und keine Bauchmannschaft, die mit dem Messer zwischen den Zähnen alles weggrätscht. Das gefällt mir auch nicht, weil wir uns alle diese Emotionen wünschen, aber dann müssen wir halt unsere Stärke nutzen, die wir haben. Wenn wir aber von einem Mathelehrer verlangen, dass er plötzlich ne Wand mauert, kann das Ganze sehr instabil sein. Und das haben wir häufig gesehen.  4. Alle reden immer von: Wolfsburg hat einen psychologischen Nachteil. Wieso eigentlich? BS hat eine gute Saison gespielt und richtig was zu verlieren. Das sind doch die Spiele, von denen wir unseren Enkeln erzählen. Wenn wir die Klasse jetzt noch halten und den Nachbar-Rivalen in Liga 2 belassen, bekommen wir trotz Scheiß-Saison ein Happy End. Umgekehrt würde BS kurz vor dem großen Ziel scheitern, obwohl man doch soooo toll war. Auch Lautern hat sich damals am Traditionsgelaber gegen Hoffenheim verschluckt. Endlich den Plastikclub in die 2. Liga, regional ähnlich brisant wie jetzt. Schieben wir diesen Ballast nach BS und bleiben cool.
Denn eins ist sicher. Es ist noch nicht vorbei. Erst Montag am späten Abend. Bis dahin müssen wir beißen, kratzen, treten – und locker bleiben. Auch wenn es mich so dermaßen Überwindung kostet. Aber ich bin auch überzeugt, dass uns diese Erfahrung stärker macht.

In diesem Sinn: Bleibt geschmeidig!

15 Kommentare

  1. Schön lustig geschrieben. Bringt nur alles nichts. Leider. Der Mannschaft ist nicht zu helfen.
    Es ist eine Sache nervös und hektisch zu sein und eine andere das spielen einfach einzustellen.
    Denn das macht die Mannschaft regelmäßig. Keinen Zweikampf mehr und keine Laufbereitschaft.
    Das alles bringt Braunschweig eher mit als der VFL. Dazu diese völlig unverständlichen Aufstellungen und Auswechslungen. Ich drücke zwar die Daumen, habe aber wenig Hoffnung.

    3
  2. Danke Lenny! Schön, dass du deinen Humor nicht verloren hast, ich musste beim Lesen ein paar mal lachen. Geteiltes Leid ist eben doch halbes Leid.

    Das Wochende war echt hart und ich habe richtig gelitten. Heute habe ich mir die Fahrkarten für Donnerstag besorgt und hoffe, wir Fans stehen alle friedlich hinter unserem Verein und supporten wie verrückt und werden weiterhin ein so tolles Bild abgeben.
    :vfl: :vfl: :like:

    9
  3. Ich habe zum Abstiegsendspiel gegen Kaiserslautern 2006 das erste mal die damals 4 Jahre alte Clara mitgenommen. Seit der Zeit ist Sie begeisterter VfL-Fan.

    Was mir damals auffiel: ich hatte das Gefühl, dass die Stadt (die Menschen die hier leben) das erste Mal begriffen hatte, was es heißt Bundesliga zu spielen und das es was Wert ist.

    Will sagen:
    1. Vorsicht und Vernunft: ja, Panik: nein.
    2. Solche Spiele schweißen zusammen und gehören zum Fußball dazu wie das Salz zur Suppe.
    3. Wenn die Mannschaft das schafft, hat sie – trotz aller Kritik und Unkenrufe während der Saison – Großes geleistet. Auch das schweißt zusammen – und zwar die Mannschaft.
    4. Wenn die Mannschaft das nicht schafft, dann haben wir für ein Jahr die 2.Liga verdient. Und werden wieder aufstehen.

    Sport ist nicht nur Wunschkonzert, sondern oft auch Drama und Tragik.
    Wie das echte Leben.

    6
  4. @Lenny: die Mathelehrer die ich kenne, können mehr, als deine Klischees hergeben: „Wenn wir aber von einem Mathelehrer verlangen, dass er plötzlich ne Wand mauert, kann das Ganze sehr instabil sein.“
    Ansonsten: danke für deine Mut machenden Worte. Denn Mut ist genau das, was wir jetzt brauchen.
    Alle.
    Nicht nur die Mannschaft, sondern auch die Fans und der Verein.

    3
    • So sieht es aus. Wir müssen mutig auftreten! Müssen (positiv) aggressiv sein auf dem Platz! Wir müssen offensiv auftreten!

      Wenn BS das Gefühl bekommt, das bei uns etwas zu holen ist, dann werden sie auch etwas holen! Dann spolpert Kumbela eben nach einer Ecke mit dem Knie das Ding rein und dann heißt es „Ohhh, da haben wir aber wieder mal Pech gehabt!“ Ich kann es schon jetzt nicht mehr hören. Wir müssen endlich anfangen, unsere eigene Situation positiv zu beieinflussen!!!

      10
    • Ich wollte der Mathelehrer-Innung nicht zu nahe treten. Es war nur eine Metapher, die auch mit anderen Berufsgruppen funktioniert. Ich glaube, du weißt, was ich meine… ;)

      1
  5. Alles was Du über den Vfl schreibst berührt mich sehr, Deine frauenfeindlichen Vergleiche allerdings seit einiger Zeit unterirdisch. Wenn Du mein Schwiegersohn wärst könntest Du selbst an meinem 60 Geburtstag gerne Zuhause bleiben.

    4
    • Du weißt schon, dass das hier Satire ist, mit Klischees spielt und nicht alles auf die Goldwaage gelegt werden sollte – vor allem die übertriebenen Vergleiche. Ich glaube nicht, dass ich eine „Randgruppe“ bevorzuge… ;) vom Ozelot über den Entwicklungshelfer zur Schwiegermutter…

      3
  6. Hallo Lenny,
    ich glaube niemand schenkt das Spiel im vorhinein ab!

    Wird aber auch kein Selbstläufer und Support bewegt eben doch keine Berge.

    In Hamburg haben wir ordentlich Alarm gemacht – gebracht hat es jetzt nicht so richtig was.
    Orignalton eines HSV Fans eine Reihe vor mir so ca. 60. Minute „… ist doch alles zum Kotzen, und unsere Heinies (zeigte auf die HSV Fankurve) bekommen mit doppelt soviel Leuten nicht ma halb soviel Alarm hin wie die grünen da…“

    Ich glaube das die VFL Fans da schon „Krach“ machen werden.

    2
  7. Wenn man sich das Spiel vom Samstag nüchtern anschaut, dann haben wir zum einen mal wieder nicht unsere Chancen verwertet, der Gegner alle reingemacht und dazu wurden 2 klare Elfer (Handspiel und Foul an Maxi) nicht gepfiffen für uns.

    Zur Relegation: Ich erhoffe einen recht klaren Sieg am Donnerstag, sonst sehe ich echt schwarz aufgrund der angesprochenen Mentalitätsprobleme der Mannschaft. Ich hoffe, dass auch Spieler spielen, die bei uns schon mal ein Tor gemacht haben (zB Didavi). Und wir Fans müssen anfeuern! Wer in der Liga bleiben will, hat keine Alternative.

    9
  8. Wie sagte Gomez so schön: “ ich weiß ihr seid frustriert, aber wir müssen noch 1 Woche zusammenhalten und danach können wir uns die Meinung geigen“. Wir haben keine andere Wahl. Eingemuckelt sein bringt jetzt nichts. Alles noch mal geben und schauen was am Ende passiert. Ich hätte zwar gerne darauf verzichtet, aber irgendwie freue ich mich. Klassenerhalt schaffen und dann noch gegen BS? Hollywood like.

    3
  9. Sehr passend geschrieben, Lenny! Ich denke das Trainingslager tut der Mannschaft jetzt gut! In dieser Woche können Trainingsaktionen der Fans den Druck und die Erwartungshaltung nur erhöhen! Jeder der Spieler weiß um was es geht und was auf dem Spiel steht. Jetzt gilt es sich in Ruhe auf den Gegner vorzubereiten. Wir als Fans sollten egal wie der Spielstand ist, ununterbrochen Supporten! In Hamburg war das beeindruckend auch wenn es letztlich nicht gereicht hat. DAS IST DAS EINZIGE WAS WIR NOCH MACHEN KÖNNEN! Supporten und nicht pfeifen!!
    Sagt das euren Platznachbarn sobald das Gejaule wieder anfängt…,

    1