Samstag , Juni 24 2017
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Wolfsgeheul-Best

Orientierung an der Zitze

So ne Woche vor Ostern ist doch ne super Zeit, um religiös zu werden. Beim Spiel gegen Schalke hab ich zumindest öfter mal gedacht “Oh, mein Gott”. So muss sich Jesus gefühlt haben, als er nach Jerusalem kam und wusste, es geht zuende. Okay, der war jetzt fies, auch weil ich ja sonst immer noch versuche, irgendwoher das Positive rauszuziehen. Ist aber nach so nem 1:4 echt schwierig. Immerhin hat Caligiuri mal wieder getroffen. Ach Moment, der war ja jetzt auf der anderen Seite. Na dann war immerhin das Wetter einigermaßen gut. Ich könnte jetzt auch noch sagen, dass unser Spiel nicht so scheiße aussah wie der Pulli von Naldo, aber dann hört es auch schon auf. Es macht irgendwie auch keinen Spaß, jetzt auch noch abzulästern und die eigene Mannschaft zu foppen. Das Lachen ist mir irgendwie vergangen inzwischen. Oder schon länger. Mittlerweile bin ich auch zu kraftlos, um mir Gedanken zu machen, ob das jetzt eine Null-Plan- oder Null-Bock-Leistung war. Beides macht mir nämlich zu sehr Angst. Rational erklären kann man das eh nicht, wieso ein Team in der Lage ist, Spiele zu drehen wie gegen Bayern-Bezwinger Nagelsheim und Levertrusen, und dann andererseits beschränkt sich das Drehen wie gegen Freiburg oder Schalke wieder auf eine Runde Freischwimmer im Plumpsklo. Gerade Samstag hatte ich den Eindruck, dass viele den Unterschied zwischen Flachpass und Flachköpper auf Nachfrage nicht hätten beantworten können. Immerhin spricht der Trainer Klartext. Und wenn der von “grottenschlecht” redet, dann will ich wenig hinzufügen. Ich hatte nur gehofft, dass der Klartext auch schon von der Mannschaft verinnerlicht wird. Warum kriegen Werder und sogar der HSV die Kurve, und wir stellen uns nach dem kurzen Zwischenhoch erneut an, wie ein Banker beim Melken, der sich wundert, dass die Kuh nur eine Zitze hat?

Moses und Jesus beim Golf

In schweren Zeiten ist es ja wichtig, Orientierung und Klarheit zu haben. Also sucht man sich die in Quellen der Verlässlichkeit, damit man weiß, was gemeint ist. Nach dem Schalke-Arschtritt (wisst ihr eigentlich wie scheiße das ist, montags ins Büro zu kommen und nicht mal mehr die nächste Verbal-Watsche, sondern nur noch die mitleidigen Blicke zu kassieren?) sind mir so ein paar Worte im Kopf rumgeschwirrt. Die hab ich mal im Duden nachgeschaut und war ganz überrascht. Das gibt dann doch Orientierung. Zum Beispiel:

Eh|re, die, Substantiv, feminin, Ansehen aufgrund offenbaren oder vorausgesetzten (besonders sittlichen) Wertes; Wertschätzung durch andere Menschen; Zeichen oder Bezeigung der Wertschätzung; Gefühl für die eigene Ehre
Übertragen auf den Fußballplatz heißt das für mich, dass ich mir durch meine Leistung die Wertschätzung verdienen muss. Hier geht es übrigens nicht um Erfolg, sondern um das Ansehen durch mein Auftreten. Es wird vorausgesetzt, sich dessen bewusst zu sein und alles dafür zu tun, diese Werte nicht zu beschädigen. Mittlerweile müsste ja klar sein, dass eine Fußballmannschaft nicht nur für sich spielt. Ich will das gar nicht überstrapazieren oder mit zu viel Patros Käse erzählen. Dafür ist Fußball inzwischen auch zu unromantisch. Aber wenn man sich fragt, ob es Ehrentreffer heißen kann, wenn man vorher so gespielt hat, als hätte man keine – dann kann ja was nicht stimmen…

Selbst|zu|frie|den|heit, die, Substantiv, feminin, auf eine unkritische [leicht selbstgefällige] Weise mit sich und seinen Leistungen zufrieden und ohne Ehrgeiz zu sein.
Reicht es schon, dass man sieben Punkte aus drei Spielen holt? Und dann kehrt wieder so ein “wird schon” ein, obwohl sich im Grunde nichts verbessert hat? Ich erinnere mich rund um die Winterpause gab es das mit Ismael auch… Wir haben seit dem 17. Spieltag neun Punkte auf die Übermannschaft vom HSV verloren. Ehrgeiz sehe ich leider viel zu häufig nur bei den anderen…

Flos|kel, die Substantiv, feminin, Gesamtheit schön klingender, aber nichtssagender Worte.
“wir müssen analysieren”, “wir müssen weiter hart arbeiten”, “wir wollen gemeinsam da unten rauskommen”, “wir müssen endlich unser Potenzial abrufen” – der Wortbausatz ist seit Monaten begrenzt. Ich kann es verstehen, dass einem die Worte fehlen und dass man sich selbst nicht in Schutt und Asche reden darf. Nur sich das als Fan anzuhören und nach 30 Spieltagen und allen Analysen und der harten Arbeit immer noch dort zu stehen, wo wir stehen, geht an die Substanz.

Bringen wir doch mal ein Autobeispiel: Euer Tuareg muss in die Werkstatt, weil er nicht so läuft wie er soll. Und nach Monaten und unzähligen Besuchen hat der Kfz-Heini immer noch nicht den Fehler gefunden, sondern sagt: “ich muss weiter analysieren und weiter hart arbeiten”. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihr dem Typen a) vertraut und sagt: der kriegt das schon wieder hin oder b) lieber folgenden Witz erzählt, der gut in die Osterzeit passt:
Jesus und Moses spielen eine Runde Golf. Moses schlägt als Erster ab, ein weiter guter Schlag, mitten ins Fairway. Dann schlägt Jesus und verzieht den Ball völlig. Das Ding landet irgendwo im dichten Unterholz. Jesus blickt kurz zum Himmel, dann ziehen schwarze Wolken auf und es geht über dem Wald, wo der Ball mutmaßlich liegt, ein schwerer Regenguss nieder. Das Wasser steigt und schwemmt den Ball aufs Fairway. Gleichzeitig wird ein Fisch heran gespült, der den Ball verschluckt. Dann nähert sich von oben ein Adler, schnappt sich den Fisch und lässt ihn über der Fahne auf das Grün fallen. Der Fisch spuckt den Ball aus und die Kugel kullert ins Loch zu einem Hole in one. Moses schaut Jesus an und sagt: “Alter, wollen wir hier Golf spielen oder willst du mich eigentlich verarschen?!” (und jetzt bitte noch mal an den Kfz-Heini und unsere Fußballer denken).

Auferstehung oder Grablegung

Ich tendiere ja zu Antwort b), möchte aber dass es a) wird. Das grenzt aber fast schon an ein Wunder. Allerdings: Ostern ist ja die richtige Zeit für Wunder. Vielleicht erleben wir ja gegen Ingolstadt die Auferstehung des VfL Wolfsburg. Schade nur, dass wir nicht Sonntag spielen, dann gäbe es dafür vielleicht sogar ne Garantie mit der Auferstehung. Aber wir spielen ja Samstag. Da war die Grablegung. Ich hoffe, diesmal nicht…

In diesem Sinn: Bleibt geschmeidig!

6 Kommentare

  1. Grablegung finde ich nicht verkehrt, z.B. für Ingolstadt.

    Kopf hoch.
    Hätten wir die nicht gegebenen Elfer bekommen und das irreguläre Caliguri-Tor hätte nicht gezählt…
    – was hätten wir über einen Pinkt auf Schalke gejubelt und das schlechte Spiel verdrängt.
    Jetzt können wir der Realität ins Auge sehen und den Kampf beginnen.

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  2. @Lenny
    Realitätssinn ist ein gutes Stichwort. Um bei Deiner Autometapher zu bleiben – Beim Tuareg weißt Du das es “ein geiles Auto” ist und es im Normalfall tadellos funktioniert. Wenn nicht dann kann man reparieren. Wenn das nicht klappt einfach den Reparateur austauschen und gut ist.

    Beim VFL scheint es sich da eher um einen Renault Captur (oder wie die Schlurfe heißt) zu handeln. Oberflächlich ja ganz nett anzuschauen, aber Du kannst schrauben was Du willst, kannst noch mal für viel Geld in ein paar neue Stoßdämpfer oder Alufelgen investieren – das Ding wird nicht besser und auf keinen Fall ein Tuareg.

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